Der Tod von Gidget bringt mich auf Gedanken.
Wahrscheinlich wissen Sie gar nicht, wer Gidget ist. Es würde mich überraschen, wenn es anders wäre.
Auch ich war ahnungslos, bis ich gestern in CNN die Todesannonce gelesen habe.
Gidget war ein Chihuahua – Sie wissen schon, eine kleine, haarlose mexikanische Hundeart. Manche finden sie niedlich, manche hässlich. Ich glaube, Paris Hilton produziert sich mit einem solchen Tier. Gidget, die mit fünfzehn Jahren verstarb, war aber wohl ein ziemlich bunter Hund, wenn ich es so sagen darf. Jeder amerikanische Fernsehzuschauer (das heißt, 99,9% der Gesamtbevölkerung) kannte sie. Denn sie war jahrelang in der Fernsehwerbung zu bewundern. Die Firma, für die sie ihre Fronarbeit geleistet hat, verrate ich hier nicht. Nein, keine Schleichwerbung beim Sprachbloggeur!
Als ich die Schlagzeile ,„Gidget the chihuahua has died at 15“, las, konnte ich zunächst nichts damit anfangen. Die meisten Amerikaner hingegen schon.
Was will ich damit sagen? Gidget war ein Baustein, zwar ein kleiner, aber immerhin Baustein im großen Gebäude der amerikanischen Kulturidentität. „Bausteine“ in diesem Sinn sind die Dinge, die ein Gruppenbewusstsein ausmachen.
Doch nicht Gidget, sondern treue Sprachbloggeur-Leserin Monika Sim, hat mich auf Ideen über Bausteine der Kulturidentität gebracht. Vor wenigen Tagen hat Frau Sim meine Glosse über den Unterschied zwischen „Haar“ und „Haare“ kommentiert. Sie erklärte, dass sie – notabene als Muttersprachlerin – in ihrer Kindheit den Unterschied zwischen diesen Wörten gefühlsmäßig nachempfunden hatte.
Aha, dachte ich. Da spricht ein Mensch, für den der Unterschied zwischen „Haar“ und „Haare“ ein Baustein seiner kulturellen Identität ist.
Zu bemerken: Eine kulturelle Identität darf man nicht verschmähen – auch nicht verschmälern. Ohne sie fällt jede Kultur schleunigst auseinander. Nicht von ungefähr redet man heute unentwegt davon, dass Menschen mit Migrationshintergrund (wie ich einer bin) sich in die Wahlkultur integrieren müssen.
Wenn Sie das Gefühl haben, dass diese Glosse wie das Wort zum Sonntag klingt, haben Sie nicht Unrecht. Denn ich mache mir nämlich gerade Gedanken über eine Verantwortung, die ich mit Freude auf mich genommen habe. Bald soll ich als Schirmherr für einen Essay-Wettbewerb unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund (siehe www.kandil.de) werden. Kollegin Ines Balcik von „ib-klartext“ (siehe unter „Links“) hat mich neulich gefragt, ob ich Interesse hätte, Schirmherr zu sein. Ich habe spontan zugesagt.
Ich habe in meinem Leben viel erlebt (das meiste verrate ich Ihnen nicht), noch nie aber war ich Schirmherr.
Ich weiß nicht einmal, was ein Schirmherr tut oder macht und muss mich erst schlau machen. Denn man will seine Tätigkeit als Schirmherr absolut richtig ausüben. Ich halte Sie jedenfalls auf dem Laufenden, sobald, ich weiß, was auf mich zukommt.
Nur eine Frage hätte ich noch. Ist die weibliche Form von „Schirmherr“, „Schirmfrau“ oder „Schirmherrin“? Vielleicht weiß das jemand, der sich in der deutschen Kulturidentität heimischer fühlt als ich.
Ich bin nämlich nirgends richtig zu Hause oder vielleicht überall, und das gefällt mir ungemein. Gidget ist mir kein Begriff und den Unterschied zwischen „Haar“ und „Haaren“ habe ich erst als Erwachsener kennengelernt. Trotzdem darf auch ich Schirmherr werden.
Kommentare
Kulturelle Identität
Lieber PJB,
das finde ich aber äußerst interessant, daß gerade ICH Sie auf Kulturidentität gebracht habe...
Denn auch, wenn ich Muttersprachlerin bin im Deutschen fing ich doch mit ...hm... vielleicht 8 Jahren an Englisch zu lernen und bin heute voll zweisprachig mit dem Englisch.
Oft spreche ich mehr englisch als Deutsch an einem Tag und mache schon mal "englische Fehler" im Deutschen.
Ich bin im "Mauerberlin" aufgewachsen, was ja eigentlich nie so deutsch war wie West- oder Ostdeutschland.
Auch mit meinen deutschen Eltern war bei uns vieles "irgendwie anders" und meine Mutter arbeitete in einem internationalen Institut.
Viele deutsche Dingen sind mir eher fremd... und eine eindeutige kulturelle Identität hab ich nicht unbedingt, würd ich mal denken.
Ich würde mich gefühlsmäßig nicht als sehr deutsch einstufen und von vielen werde ich als "nicht deutsch" eingeschätzt. Oft als Schottin oder Irin (wohl wegen meinem Englisch *gg*), aber manchmal werde ich auch in andere Ecken gesteckt.
Ich selber fühle mich in "ganz deutscher" Umgebungen richtig fremd. Andererseits merke ich schon manchmal, daß ich deutscher bin als ich denke.
Sprache ist schon was sehr Wichtiges für eine Identität und ich muß sagen, so wie meine Kultur ist auch meine sprachliche Kreativität gemischt: Ich entwerfe gerne neue Worte die durch mehrere Sprachen gehen :)
Ich verwende alle "denglischen" und anderen fremden Wörter viel bewußter und spreche deshalb manchmal "deutscher" als andere... was diese anderen verwundert.
Die Berliner wurden ja damals nicht unbedingt als Deutsche gesehen.
Soviel zur kulturellen Identität. Berliner? Irgendwie, jaaooh, aber wieder doch irgendwie nicht. Deutsch? HhHhmmmMMMM. Njäh, eindeuteiges Jain.
Ich bin wohl durch meine Einflüsse (mein Mann ist Schotte,dann jahrzehntelange Beschäftigung mit den keltischen Kulturen und lebenslanges Interesse an der italienischen Renaissance) 'ne bunte Mischung.... auch wenn ich mich bei einigem recht zuhause fühle, sind doch immer einige Dinge direkt daneben recht fremd.
Wunderbar finde ich Ihre Schirmherrschaft über den Wettberwerb von Ines! Ich bin schon ganz gespannt auf die Einsendungen.
Ich weiß auch nicht genau, was eine Schirmherrschaft alles beinhaltet, aber Sie werden dies bestimmt wunderbar machen! :)
Die weibliche Form von Schirmherr... hmm.
Frau war ja früher einmal ein höherer Titel wie "Dame" wie Herr eben auch. Deswegen wäre Schirmfrau schon vielleicht besser als Herrin... aber irtgendwie klinget es für mich wie jemand, der den (Regen-)Schirm für jemanden hält bzw. auf ihn aufpaßt...
Schirmherrin...klingt recht herrisch. "Laßt die Finger von meinem Schirm, weg da!" oder vielleicht herrscht sie ja über Schirme? ..."Meine lieben Schirme und Schirminnen..."
Ich glaub, jetzt hat mich meine Phantasie doch etwas vom Thema weggetragen... und ich hör mal lieber jetzt auf.
Ganz herzliche Grüße,
Monika
http://www.ateliersim.de
Das richtige Femininum?
Lieber Sprachbloggeur,
der Schirmherr ist kein Schirmmann - das ist schonmal klar. Den Schirmmann kenne ich nur aus einem Italienurlaub 1990. Der hatte immer bunte Sonnenschirme bei sich, die er jedem Kind bzw dessen Aufsichtsperson mit einem Dauerlächeln und ohne Punkt und Komma aufschwatzen wollte. Ische Schirmmann, du kauffe buuunte Schirm, billiger billiger!! Und so weiter. als kindfand ich diesen sehr erheiternd, meine Eltern stellten sich bei dessen auftreten seltsamerweise meißt schlafend.
Mit dem Schirmherr hat dieser gewitze Verkäufer sicherlich nichts zu tun. Wenn ich nun eine Analogie zu Rate ziehe und mich entsinne, einen förmlichen Brief mit "Sehr geehrte Damen und Herren" zu beginnen, so liegt der Schluss nahe, die Schirmdame sei die richtige Form, aber wer sagt denn, das Deutsche stünde auf logischen füßen. Natürlich ist es die Schirmherrin, die das Pendant zum Schirmherr bildet. Ich vermute da alte patriachaische Hintergründe. In der Männerdomäne Bundeswehr gibt es ja bis heute keine weiblichen Dienstgrade, so daß Mann sich dort über eine Frau Stabsarzt Schmidt genausowenig wundert wie über die Frau Leutnant Meier. Dem Muttersprachler kribbelt es dabei im Nacken, rebelliert doch das Klienhirn gegen diese Wortkonstruktionen, aber die ZDv schreibt dies so Fest. Erstaunlich ist, daß laut Soldatengesetz die Dienstgrade vom Bundespräsidenten festgesetzt werden, einer erneuerung mit weiblichen Formen stünde also prinzipiell nichts im Wege, doch wie femininisiert man Leutnant Oberst und Major? Leutnante, Oberstine und Majorette? Ich glaube, es braucht eine weibliche Bundespräsidentin, die sich dieser Frage annimmt. In sicht ist sie jedoch momentan nicht, aber ich schweife ab und verbleibe deshalb hier mit besten grüßen aus dem Urlaub,
pappe
Noch keine Majorin,
lieber Pappe, dafür aber eine Kanzlerin. Mit Befremden würde Bismarck dreinschauen. Die Zeiten ändern sich trotzdem. Und nun weiß ich, dass die Schirmfrau mit dem Schirmmann verheiratet ist. Schönen Urlaub wünscht PJB Sprachbloggeur.
Die Schirmfrau
In der Tat, lieber Argo,
eine knifflige Sache. Im Englischen hat man es einfacher. Da heißt der "Schirmmensch" schlicht und einfach "patron". Manche meinen allerdings, dass man den weiblichen "patron" als "patroness" bezeichnen sollte. Warum nicht "matron?", fragen Sie vielleicht. Ja, und dann geht's wieder von vorne herein los. Fazit: Sprachen sind gnadenlos. Herzliche Grüße, PJB Sprachbloggeur.
Von Schirmfrauen und anderem
Ach, lieber Argo,
Sie bringen uns an die Grenze des Wahnsinns. Denn Sie suchen nach Logik in der Sprache. Endlich verstehe ich, warum Übersetzungsprogramme allesamt zum Scheitern verurteilt sind. Was ich mache, wenn ich sprachlich nicht weiter kann: Ich wende mich an Dr. Bopp (siehe "Links"). Er kann schnell und überzeugend erklären, warum die Frauschaften keine Herrschaften sind. Herzlich grüßend, PJB Sprachbloggeur
Zur Info: Herrin ist ein Femininum
Aber, wie der Sprachbloggeur richtig anmerkt: Sprache ist gnadenlos und hält sich auch nicht an Gesetze. (Außer in Romanen - siehe 1984, oder in extremen Gesellschaften - siehe Nordkorea, aber auch da nur für begrenzte Zeit.). Dies als kleines Frustrations-Trostpflaster für alle Genderisierungsfanatiker.
Liebe Grüße
Rappelkopf
Schirmherrin
Also ich bin mir sicher...
... es heisst Schirmherrin. Aber meine Hand würde ich dafür auch nicht ins Feuer legen. Meine Sprachverwirrung ist sowieso perfekt seitdem ich Bundesland gewechselt habe. Und den Unterschied zwischen Haar und Haare kenne ich erst seit deinem Artikel. Und trotzdem kann man doch alles erreichen was man möchte. Z.B. auch Schirmherr werden ;) Liebste Grüße Gebäudemanagement.
Ich stolperte durch den Rest
Ich stolperte durch den Rest
Ich stolperte durch den Rest Ihres Beitrags und wirklich geben Interesse für jeden Leser. Dank für das Teilen und ich hoffe, immer neue Updates von hier aus sehen.
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