Hier finden Sie keine Spekulationen über Tim K. Ich befasse mich heute lieber mit dem Begriff „Breaking News“. Ich komme darauf, weil diese Losung gerade im Fernsehbildschirm zu sehen war, als ich am Mittwoch ins Wohnzimmer kam und die „Tagesschau“ zufällig lief.
Ich dachte zunächst, es handele sich um Aufnahmen aus Alabama, wo am Dienstag ein Berserker mehrere Menschen niedergemäht hatte. „Mord und Totschlag made in USA als Unterhaltung in Deutschland“, murrte ich in Richtung meines Sohns.
„Nein“, antwortete er. „Das hat mit Alabama nichts zu tun. Ist gerade passiert. Ein Jugendlicher in Deutschland ist Amok gelaufen.“
Ich war in meinen Gedanken aber schon weit weg. Warum heißt es „Breaking News“, sinnierte ich – und das ausgerechnet in der ARD?
CNN war der erste, der den Begriff „breaking news“ verwendet hat. Vielleicht war es 2001 in Zusammenhang mit dem Terrorangriff gegen das World Trade Center. Ich weiß es nicht mehr. Viel früher war es sicherlich nicht. Die Formulierung klang damals jedenfalls recht pfiffig. „Breaking News“ – anbrechende Ereignisse – das verspricht Dramatisches, fängt die Aufmerksamkeit ein. „Brechen“,„ausbrechen“, „anbrechen“ – die Unmittelbarkeit dieses Wortes ist kaum zu überbieten. Im Deutschen kann man sogar einen Krieg vom Zaun brechen.
Schnell witterte die Konkurrenz in den USA den Wert dieser nützlichen Formulierung. Bald ließ nicht nur CNN die „Breaking News“ krachen. Auch die Kollegen bei den anderen Sendern warben mit dieser spannenden Losung um die Zuschauergunst. Verständlich, dass es so war. Es geht letztendlich um den harten Kampf um die Einschaltquoten. Mehr Zuschauer bedeuten mehr Werbespots.
Ich beneide die Nachrichtenproduzenten nicht. Berichte werden auf die Waage gehauen wie Rinderrouladen. Was gut und schnell an den Mann oder die Frau zu vermitteln ist, bekommt nach diesem Kriterion die Vorzugsbehandlung. Ich erzähle Ihnen aber nichts Neues.
Wer sich in den USA informieren will, muss mittlerweile entweder das Internet nach Nachrichten absuchen, oder er abonniert eine der wenigen Zeitschriften, die noch etwas Tiefgang haben – zum Beispiel die „New York Review of Books“. Im Fernsehen (auch in vielen Zeitungen) sind nur noch „Breaking News“ zu finden. Schnieke Nachrichtensprecher und -sprecherinnen – zumeist in Tandem – berichten mit glatt gebügelten Stimmen und ebenso glatten Frisuren über Blechschäden auf dem Highway, schlimme Einbrüche, Schießereien oder den Tod von Prominenten – alles sauber pauschaliert mit dem dramatischen Schluss nach der Werbung.
Auch in Deutschland sind die „Breaking News“ eingetroffen – vor allem bei den Privaten. Klingt ohnehin schöner als „Eilmeldung“, nicht wahr?
16 Menschenleben wurden in Winnenden auf tragische Weise ausgelöscht, in Darfur werden seit Jahren hunderttausende Menschenleben systematisch ausgerottet. Stellen Sie sich vor. Sie sind Nachrichtenredakteur. Mit welcher dieser beiden Storys würden Sie lieber auf der Pauke hauen? Nicht zu vergessen: Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen, man riecht schon den Nackenschweiß der Konkurrenz.
Letzte Frage: Was bedeutet „Betroffenheit“? .
Comments
Was bedeutet „Betroffenheit“?
Kommentar zu dieser Zuschrift auf "Was bedeutet Betroffenheit"
Wenn dieser Kommentar von einem ausgebildeten Fachmann ist, kann einem Angst werden um Deutschlands Journalistennachwuchs. In diesen paar Zeilen sind diverse Interpunktions-, Groß-u. Kleinschreibungs- und andere Rechtschreibefehler, die einem die Haare hochstehen lassen. Schon mal etwas von der Konjunktion DASS gehört? So wäre es richtig: Ich glaube nicht, dass ein Reporter... / leisten kann, ständig / auf Dauer / AUSSERDEM / SCHLIESSLICH / KAUFMÄNNISCH / denken, sonst Einfach grausam! Und das kriegt unser Leservolk vorgesetzt, um sich daran ein Beispiel zu nehmen. Armes Deutschland
Keine Sorge,
liebes armes Deutschland. Der Autor besagten Kommentars ist wohl nicht vom Fach. Er wollte lediglich - auf meine Kosten - Werbung für seine Firma machen (siehe Hypertextlink). Ich mache es jedenfalls folgendermaßen: Wenn ich meine, dass ein unternehmungslustiger Entrepreneur meinen Text tatsächlich von Anfang bis Ende gelesen hat, bin ich manchmal - wie in diesem Fall - gnädig und lasse die (durchsichtige) Verschleierung zu. Aber wer weiß, wie es künftig in den richtigen Medien aussehen wird. Sparen, sparen, sparen, heißt die heutige Devise. Man soll sich vielleicht an die kühnen, neuen Schreibarten des billigen Journalismus schon jetzt gewöhnen. Alte Schule, ade. Herzliche Grüße PJB Sprachbloggeur
Danke
'Betroffenheit'
Immer auf die Journaille
Sascha W.
Victoria
Liebe Journalisten!
Hab vergessen...
Lieber Herr Rawel,