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He! Dieter Bohlen*! Deutschland sucht eine Redewendung!

„FBI und Aussenministerium in Washington zürnen der Regierung in Larnaka, dass diese ausgrerechnet den dicksten Fisch des Agentenrings vom Haken gelassen hat.“

Ein Zitat aus der Schweizer Weltwoche (zu bemerken: kein Eszett!). Vom Kollegen Matthias Rüb geschrieben.

Manche Leser werden diesen Satz einfach so über sich ergehen lassen. Denn er klingt ganz normal und ist auch bildlich, was ihn schön macht. Ich hingegen bin gleich drüber gestolpert.

Es geht um das „vom Haken gelassen“. Nach kurzem Stutzen habe ich diese drei Worte ins Englisch rückübersetzt. Gleich fand ich meinen Verdacht bestätigt: Es handelte sich um das Idiom „to let someone off the hook“ , das einst aus der Anglersprache entlehnt wurde und heute im übertragenen Sinn „jemanden herauspauken“ oder „jemanden davonkommen lassen“ bedeutet. Etwa: „The judge could have sent him to prison for ten years, but he let him off the hook.“

Neugierig googelte ich „vom Haken lassen“, um zu eruieren, ob sich das oben entdeckte deutsche Pendant nur mir unbekannt war. Und siehe: Man findet es im online Wörterbuch „dict.cc“ als deutsches Idiom. Aber hold your horses (das heißt: Keine voreilige Schlüße ziehen):

In der Badischen Zeitung vom 29. August 2009 entdeckte ich folgenden Satz: „Dank ihm kann der Angler den Fisch – wie in diesem Fall – wieder unbeschadet vom Haken lassen.“ In diesem Fall kann man die Wendung nur wörtlich verstehen. D.h.: Der Haken ist ein Haken, der Fisch ein Fisch. Gleiches gilt auch für ein Beispiel des Tamalan Theaters: „Einen sprechenden Butt sollte man gleich wieder vom Haken lassen, erst recht, wenn er Wünsche erfüllen kann.“ Fazit: Auch ein sprechender Butt ist nur ein Fisch, den man fangen kann.

Aber nun bin ich auf folgendes Beispiel in der Süddeutsche Zeitung gestoßen: „Rechtzeitig vom Haken lassen“, lautete eine Überschrift vom 24. Oktober 2006. Und weiter: „Autos mit Katalysator sollten nicht zu lange "angeschleppt" werden.“

Merken Sie sich diese Sätze genau. Sie sehen hier womöglich den Geburtsmoment eines wahrhaften Idioms. Der Autor hat sich ein Wortspiel erlaubt (so was machen gelangweilte Journalisten gerne); er will den Abschlepphaken mit dem Anglerhaken unter einen Hut bringen. Haken also im übertragenen Sinn. Zum Vergleich folgendes Beispiel aus einem juristischen Text: „Der Abschleppunternehmer muss daraufhin das Fahrzeug wieder vom Haken lassen…usw.“

Und schlussendlich ein Text  der „Österreichisch Kubanischen Gesellschaft“ (ÖKG) vom August 2004. Es geht um einen jungen Mann namens Sherman Austin, der damals wohl Probleme mit der amerikanischen Justiz hatte. Zitat: „Der Staatsanwalt wollte ihn nicht mehr "vom Haken" lassen.“ Notabene. Der Autor von der ÖKG setzt sein „vom Haken“ in Anführungszeichen. Was nur bedeuten kann, dass es für ihn noch ein exotisches Idiom ist.

Insgesamt becircte Google mit ca. 20.000 Treffer für mein Stichwort. Ich habe freilich nur wenige unter die Lupe genommen (nehmen wollen). Trotzdem bin ich überzeugt, dass wir es hier mit der Geburt eines Idioms zu tun haben.

Puristen werden stöhnen: „Schon wieder Denglisch!“ Aber so what. Ich bin der Meinung, das „jemanden vom Haken lassen“ eine schöne Bereicherung für die deutsche Sprache werden wird.

Als Ausgleich erkläre ich mich bereit, ein deutsches Idiom ins Englische hineinzuschmuggeln. Wie wäre es mit „He doesn’t have all his teacups in the cupboard“? Sie sollten aber wissen: Mein Einfluss auf die englische Sprache ist seit vielen Jahren sehr gering geworden und schwindet ob meiner deutschen Lebensweise weiterhin zusehends dahin.

Es würde sicherlich helfen, wenn „vom Haken lassen“ mal prominente Unterstützung bekäme. Ich schlage Dieter Bohlen als Paten für dieses nette neue Idiom vor. Er könnte, zum Beispiel, dem angehenden Hiphop-Tänzer oder der coolen Sängerin sagen: „Du hast mich nicht ganz überzeugt, aber diesmal lass ich dich vom Haken. Du kommst in die nächste Runde.“

Im Nu würde sich dieses neue Idiom ausbreiten wie Mehltau im feuchten Keller.

*Für Sprachbloggeurleser im Jahr 2040 folgender Hinweis: Dieter Bohlen war ehemals ein Entertainer in der Popszene. Der Name war einst sehr bekannt.

Kommentare

Vorausschicken muss ich, dass ich die betreffende TV-Sendung von Dieter Bohlen leider nur vom Hörensagen kenne. Aber: Die oben genannte Redewendung soll doch ausdrücken, dass da jemand eigentlich Strafe verdient hätte und nun gnadenhalber oder umständehalber noch einmal davon kommt. Darum meine Frage: Sind die Darbietungen der Bohlen-Schützlinge wirklich so arg, dass sie bestraft werden sollten? Daher ein Gegenvorschlag. Der Bundesfinanzminister sagt zu seinen treuesten und prominentesten Steuerhinterziehern: "Ich kenne leider Eure Konten in Liechtenstein noch immer nicht, darum lasse ich Euch auch diesmal wieder vom Haken." (Das könnte er ja durchaus regelmäßig von sich geben, so dass die Redewendung geradezu blitzartig in Umlauf kommen müsste.) Liebe Grüße, Rappelkopf

Weil gerade von 2040 die Rede ist, hier noch ein nützlicher Hinweis für Sprachbloggeurleser im Jahr 2040:

Da feiert die Brauerei Weihenstephan ein rundes Jubiläum. Sie besteht seit 1040, ist die wohl älteste Brauerei der Welt. Da gibt es bestimmt Freibier. Also - rechtzeitig planen!!

Da trink ich dann auf das Wohl des Sprachbloggeurs. :-))

Liebe Grüße, Ihr Rappelkopf

für den schönen Trinkspruch. Sollte ich 2040 noch am Leben sein, werde ich meinen Arzt fragen, ob auch ich den Krug mitstemmen darf. Ganz herzlich PJB Sprachbloggeur

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