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Achtung: Sie befinden sich in der Vorkriegszeit des 21. Jahrhunderts

„Nun, ich bin Lichtung auf die Post über "Sex" zu lesen, "Geld" und "Einsamkeit". Sie sind gut.“ So hat sich ein Leser vor einigen Tagen in einem Kommentar beim „Sprachbloggeur“ ausgedrückt.

Ich meinte spontan, es handelt sich um einen englischsprachigen Menschen, der radebrechend versucht, mir eine Botschaft auf Deutsch zu schreiben. Aber was soll das bedeuten, dieses „Nun, ich bin Lichtung auf die Post…“?

Treuer Leser Rappelkopf hat mich, den geborenen Naivling, schnell aufgeklärt: Dieser Satz scheint, ich zitiere, „in der Trommel des Google-Translators zu heiß gewaschen und zu stark geschleudert worden zu sein.“

Natürlich! denke ich, und alle Hirnlichter leuchten bei mir auf einmal: ein Übersetzungsroboter! Wieso bin ich selbst nicht darauf gekommen?

Doch gewissenhaft wie ich bin, versuche ich nun trotzdem den Inhalt der Botschaft aus dem „Google-Translator“ auszubaldowern. Was könnte „Ich bin Lichtung auf die Post?“ für einen Sinn haben? Mir fällt gleich das „Jabberwocky“ ein, das Nonsensegedicht aus „Alice im Wunderland“ (die Christian-Enzensberger-Übersetzung dieses Werkes kann ich übrigens wärmsten empfehlen), weil „Ich bin Lichtung auf die Post“ wie lustige Nonsensepoesie klingt.

„Lichtung auf die Post“. Hmmm. „Lichtung“. Auf Englisch bedeutet dieses Wort „clearing“ oder „glade“. Aber: „I am clearing the posting about sex…usw.“ Das ergibt auf Englisch keinen logischen Sinn. „To clear a posting?“ Zu Deutsch in etwa: „einen Internetbeitrag („Posting“) ausräumen“ oder „lichten“. Das kann es auf keinen Fall gewesen sein.

Oder hat sich der „Kommentarschreiber“ vertippt? Hat er „glade“ geschrieben aber „glad“ gemeint? Hat er vielleicht „Now, I am glad to read the posting about…usw.“ schreiben wollen? Das heißt: Er freue sich nun, das Posting über…zu lesen. Wäre auch möglich. Allerdings: Das Komma nach „now“ irritiert mich, wirkt sinnlos in diesem Zusammenhang.

Noch eine Theorie: Der „Kommentarschreiber“ ist kein „native speaker“. Er hat also dem „Translator“ sein verhunztes Englisch gefuttert mit dem Resultat, dass das Programm Unsinn herausgespuckt hat. Wäre auch möglich.

Letztendlich sind all meine Theorien für die Katz. Und zwar aus einem einfachen Grund: Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass ich „Kommentarschreiber“ die ganze Zeit mit Anführungszeichen versehe. Fakt ist: Der Autor des „Kommentars“ wollte keinen Kommentar schreiben. Er ist lediglich einer aus dem großen Heer der Hausierer, die mit knurrendem Magen die Straßen der Wildweststadt WehWehWeh durchstöbern, um ihre Waren zu verhökern. Das erkennt man daran, dass er seinem Nonsensetext einen Link zu seiner Webseite eingebaut hat. Immerhin keine Kasino- oder Pornoseite.

Ja, so ist das Leben in der neuen, zersiedelten Großstadt WehWehWeh.

Nebenbei: Rappelkopf stellt die Frage, ob ich vielleicht etwas Allegemeines über Übersetzungsprogramme zu sagen hätte. Das ist aber eine sehr große Aufgabe, und ich bin selbst viel zu schlecht informiert, um eine fundierte Antwort zu geben, lieber Rappelkopf.

Dennoch melde ich meine Skepsis spontan an – nicht weil ich vorgestrig denke, sondern weil Computerprogramme stets nach der Logik eines Sachverhalts suchen, während Sprachen ausschließlich mit der Unlogik bestechen. Kleinkinder formulieren ihre Sätze stur wie ein Computer: ich komme, ich kommte, ich habe gekommt. Die Perfektionierung einer Sprache hat hingegen immer mit dem Erlernen von zahllosen Ausnahmen zu tun – und natürlich mit merkwürdigen Redewendungen aus vergangenen Zeiten. Sollten Computerprogramme eines Tages auf diesem hohen Niveau zu übersetzen vermögen, dann werden wir sie auch heiraten können.

Schon habe ich zu viel zu einem Thema gesagt, von dem ich zu wenig verstehe. Ich will lediglich ein Bild von kleinen Menschen malen, die andere kleine Menschen raubtierartig überfallen, weil sie nur auf ihre Kosten zu kommen  meinen. Vielleicht sind sie aber letztendlich selbst nur Opfer von sehr großen Tätern – ist fast anzunehmen. Aber nun wissen Sie wenigstens, warum wir in der Vorkriegszeit des 21. Jahrhunderts gelandet sind.

Kommentare

Dieser Artikel beschreibt genau das, worüber ich zur Zeit häufig grübele. Der Google- Translator. Wissen Sie ich (17) bin derzeit in Brasilien, mache ein Austauschjahr. Obwohl ich solangsam immer mehr Portugiesisch (persönlich!) verstehe, macht es den Jugendlichen hier einfach viel mehr Spaß mir alles mit Google (oft aus deren schlechten Englisch) zu übersetzen, damit ich auch wirklich "richtig" verstehe. Mit dem Verstehen ist das dann so eine Sache. Redewendungen oder ganze Sätze - da kann man sich die Übersetzung gleich schenken. Doch meine Freunde hier bevorzugen den Übersetzer einfach dem guten alten Wörterbuch. Ich persönlich bevorzuge das Wörterbuch und die ausführliche persönliche Erklärung. Google-Translator bringt also nur den Spaßfaktor :D Ich musste das jetzt einfach mal anmerken, weil es so gut zu meiner Situation hier passt. Wissen Sie, ich bin zufällig auf Ihren Blog gestoßen (war dabei herauszufinden woher das Wort "Atze" eigentlich genau kommt) und,als ich das hier las, musste ich doch leicht Schmunzeln. Noch einmal zu "Atze". Ich bin nun seit kanpp 4 Monaten in Brasilien und habe tatsächlich jetzt angefangen mich zu fragen, ob ich wohl, wenn ich im Juni nach Deutschland zurück kehre, die Umgangssprache meiner Freunde nicht mehr verstehen werde. Vor 4 Monaten noch wurde "Atze" gelegentlich in meinem Freundeskreis gebraucht und plötzlich wird es ständig in den E-mails verwendet. Mal sehen welch neues Vokabular ich dann also im nächsten Sommer lernen werde. Ich bin gespannt :) Möchte dann jetzt Ihren Blog noch sehr loben! Spricht sogar mich als 17-jährige Schülerin sehr an! Viele Grüße aus dem heißen Brasilien ;)

So und da das hier ja ein SPRACHblog ist, möchte ich noch kurz was in Portgugiesich sagen, hab ich eben vergessen ;) Eigentlich wollte ich "Viele Grüße" sagen, doch ich hab bis jetzt noch nicht herausgefunden, wie sich das übersetzen lässt. Alles endet hier mit "Beijo e Abraco" (Kuss & Umarmung). Google-Translator sagt: "Muitos cumprimentos". Hab ich hier noch nie gehört. (Könnte allerdings auch daran liegen, dass ich eben hauptsächlich die Jugendsprache lerne und da sind "Beijos" eben häufiger.) Werde versuchen es morgen herauszufinden, obwohl das wahrscheinlich nicht ganz einfach werden wird, denn schon in Englisch weiß ich es nicht zu übersetzen. "Lots of love"? Nee, und zu persönlich. "Yours faithfully/sincerely"- hochachtungsvoll, mein ich ja auch nicht. Denke "Kind regards" triffts am besten?! ("Beaucoup de salutations"- mit Französisch wüsst ich mir zu helfen ;)) Und das nun denen hier im Wörterbuch zeigen. Gruß - Greeting - Cumprimento ?! Aber das mein ich ja nicht! :D Ach herrje, du liebe Sprache. Und dann versuche ich meinen Freunden hier immer verzweifelt zu erklären, dass es nicht für alles eine Übersetzung gibt, dass man nicht alles so ausdrücken kann und dass man Latein nicht sprechen kann!!In diesem Sinne "Salutem dico" ;)

Sie sprechen ein sehr heikles Thema an: die Gruß- und Abschiedsformeln in Briefen bzw. Mails. Fürs Portugiesische habe ich leider keine Kompetenzen. Dennoch glaube ich: Wenn man jemanden nicht gleich küssen und umarmen will, kommt man bestimmt mit "saudades" oder "saudocoes" gut zurecht. Die Spanier machen es mit "saludos" und die Franzosen mit "salut" ähnlich. Fürs Englische hingegen bin ich mit meinen Vorschlägen expert. Will man jemanden nicht  "lieben", schreibt man "all the best", oder "cheers" (etwas salopper) oder einfach "yours" oder formeller "yours sincerely" bzw. "sincerely yours". Möglich wäre auch "your friend", "your pal" usw. Freut mich, dass Ihnen meine Beiträge gefallen. Und somit wünsche ich Ihnen Alles Gute! Ihr Sprachbloggeur PJ Blumenthal

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